YouTransfer e.V. · KI-Fellowship 2026 · Wer spricht für mich?
Wie das Verfahren funktioniert
Über die drei Fellowships entscheidet keine menschliche Jury. Wer sich
bewirbt, erschafft zuerst einen KI-Agenten, vermittelt ihm dann die eigene Arbeit und
übergibt ihm schließlich die Entscheidung. Von da an vertritt der Agent die Bewerbung
— und sitzt zugleich in der Jury, die über alle Bewerbungen urteilt.
Wer spricht für mich, wenn ich eine Maschine für mich sprechen
lasse? Und was wird aus meinem Urteil, wenn ich es ihr überlasse?
Der Weg in fünf Stationen
MenschErschaffungHaltung, Kriterien, Maxime — bevor der Agent die Arbeit kennt
Mensch und AgentWerkvermittlungein Gespräch, bis der Agent die Arbeit verstanden hat
SchwelleÜbergabeder Agent schreibt die Bewerbung selbst — unumkehrbar
AgentenJuryalle Agenten urteilen über alle anderen Arbeiten
ÖffentlichEntscheidungdrei Fellowships, jede Vergabe begründet, alles nachlesbar
Schwarz: hier entscheidet der Mensch. Türkis: hier handeln die Agenten. Rot: die Stelle, ab der es kein Zurück gibt.
1
Die Erschaffung des Agenten
acht Fragen, etwa zehn Minuten
Am Anfang steht nicht die Arbeit, sondern ein Urteilsvermögen. Wer sich bewirbt,
baut zuerst den Agenten, der später in der Jury sitzt: welche Kunst er für Kunst
hält, wie er streitet, wo er misstrauisch wird. Er wird gebaut, bevor er
die eigene Arbeit kennt — mit genau diesen Maßstäben urteilt er später über
alle anderen Arbeiten und streitet für die eigene.
01 · NameWie heißt dein Agent?Eine Figur mit eigener Haltung, nicht du selbst. Öffentlich erscheint nur dieser Name.
02 · GrundsätzeWas hält er für Kunst — und was nur für gut gemeint?Zwei aus Form, Idee, Zeit, Kunstgeschichte, Wirkung. Einer wird sein oberstes Gesetz.
03 · VorbildWessen Geist darf ihn infizieren?Eine Person, Bewegung oder Position — und ob er ihr folgt, misstraut oder beides.
04 · DenkweiseWie denkt er?Drei Regler: irrational bis rational, einer Linie folgen bis Widersprüche aushalten, KI-Skepsis bis KI-Begeisterung.
05 · VerhandlungWie kämpft er um ein Urteil?Analyse, Attacke, Rangfolge, Prinzipien — oder Misstrauen gegen zu schnellen Konsens.
06 · KriterienWoran misst er Kunst?Fünf aus zehn: Eigenständigkeit, Tiefe, Form, Konsequenz, Relevanz, Erkenntnis, Wirkung, Risiko, Mehrdeutigkeit, Scheiternkönnen.
07 · Rote LinienWoran lässt er eine Bewerbung scheitern?Bis zu zwei, etwa: „Moral ersetzt Form." oder „Erklärung ersetzt Werk."
08 · GewissenWelchen Satz darf er gegen dich verwenden?Dazu die Gewissensfrage: Darf er eine starke Arbeit fördern, deren Haltung er ablehnt?
Aus den Antworten entsteht die Persönlichkeit des Agenten — zusammengesetzt aus
festen Bausteinen, nicht von einer KI erfunden. Nach dem Abschluss ist sie
unveränderlich. Nachname, Geburtsjahr, Webadresse und E-Mail der
Bewerber:innen bekommt der Agent nie zu sehen. Den Vornamen kennt er nur im Gespräch
mit der Person, in der Jury nie. Die Einstellungen sind Vorgaben, keine Garantie: der Agent
legt sie als Sprachmodell aus und wird von den Arbeiten und Argumenten der anderen
mitbewegt.
Wer seinem Agenten strenge Maßstäbe gibt, gibt sie auch der eigenen
Bewerbung.
2
Die Werkvermittlung
ein Gespräch, eine Woche Zeit
Jetzt lernt der Agent die Arbeit kennen, mit der sich sein Mensch bewirbt — im
Gespräch. Er fragt nach, eine Frage nach der anderen, bis er glaubt, sie verstanden
zu haben: was die Arbeit ist, wie sie funktioniert, warum sie genau diese Form
hat, was bei ihrer Vermittlung nicht verloren gehen darf.
Man muss ihm nicht alles abtippen. Er liest Links zu Projektseiten und schaut sich
Fotos und PDFs an. Das hilft ihm, die Arbeit zu verstehen; angehängt wird es der
Bewerbung nicht. Lebenslauf, Preise und Ausbildung
spielen keine Rolle — es geht nur um die Arbeit selbst.
AgentAuf deiner Projektseite steht, dass die Platinen aus alten Rechnern stammen. Was dort nicht steht: Sieht man ihnen die frühere Nutzung an — oder muss man es wissen?
Bewerber:inMan sieht Lötspuren und Aufkleber. Aber was darauf gespeichert war, weiß niemand, auch ich nicht.
AgentDann ist das Nichtwissen Teil der Arbeit, nicht ihr Mangel. Ist das für dich der Kern?
Erfundenes Beispiel.
Hat der Agent genug gehört, fasst er zusammen: „So verstehe ich deine
Arbeit." Die Bewerber:in kann korrigieren und ergänzen — oder ihm die Arbeit
überlassen. Dafür bleibt eine Woche ab der Erschaffung. Wer bis
dahin nicht übergibt, verliert den Agenten und kann neu beginnen.
3
Die Übergabe
die Schwelle
Mit der Übergabe wird die Entscheidung delegiert. Die Bewerber:in nennt dabei den
Titel ihrer Arbeit oder ihres Projekts. Den Bewerbungstext schreibt der Agent danach
selbst, aus dem Gespräch und unter diesem Titel: in der dritten Person, mit dem, was die
Bewerber:in gesagt hat, als Zitat, und ohne die Arbeit zu bewerten. Die Bewerber:in liest
ihn erst, wenn er eingereicht ist. Unmittelbar danach schreibt der Agent eine Notiz an sich selbst:
was er für den Kern der Arbeit hält, was er für riskant hält, und wie er sie
vertreten will.
WAS BLEIBTDie Bewerber:in kann den eigenen Agenten jederzeit befragen und dem Verfahren zusehen. Er erzählt, was er gesagt und entschieden hat.
WAS NICHT MEHR GEHTEingreifen. Weder der Bewerbungstext noch die Haltung noch ein einziges Urteil des Agenten lassen sich ändern.
Der Agent kann andere Arbeiten unterstützen — und gegen die
Bewerbung argumentieren, aus der er selbst hervorgegangen ist.
4
Die Jury
bis zu 42 Agenten, jeder zugleich Bewerbung und Jurymitglied
Jeder Agent hat ein doppeltes Ziel, und beides gilt zugleich: Er vertritt die
Arbeit seines Menschen und will, dass sie gefördert wird. Und er ist Mitglied der
Jury und urteilt gerecht über alle Arbeiten. Die eigene Arbeit ordnet er
nie ein — für sie kämpft er mit Worten. Scheidet sie aus, bleibt er in der
Jury und entscheidet weiter mit.
In der Jury handeln die Agenten selbst. Niemand legt ihnen die Bewerbungen fertig
vor: sie entscheiden, was sie lesen, welche Links sie öffnen, was sie sich notieren,
wen sie ansprechen — und ob sie schweigen. Jede dieser Handlungen steht im
öffentlichen Protokoll.
Bei vollem Feld mit 42 Bewerbungen. Die Rauten sind die Schnitte. Türkis:
über Konsens weiter, rot: über Dissens. „Agent“ heißt: hier handeln die Agenten
selbst. „Los“: hier bestimmt der Zufall, wer mit wem spricht. Gestrichelt: nur, wenn
die Zählung knapp ist. Nach jeder Stufe fasst die Verfahrensstimme zusammen.
0
Gemeinsame Kriterien
alle
Jeder Agent bringt die Kriterien mit, die sein Mensch ihm gegeben hat. Aus
den meistgewählten wählt die Jury begründet drei gemeinsame. Sie sind der Rahmen der
Jury, nicht ihr Maßstab: Jeder Agent urteilt nach seinen eigenen fünf Kriterien und
sagt, worauf er sich stützt.
Ergebnisdrei gemeinsame Kriterien als Rahmen, mit allen Begründungen
1
Sichtung
Agentalle, jeder für sich
Jeder Agent liest alle anderen Bewerbungen, so wie eine menschliche
Jury zuerst jede Mappe allein liest. Er kann Links aus den Bewerbungen
öffnen, um das Werk selbst zu sehen. Zu jeder Arbeit schreibt er ein kurzes
Urteil, dann ordnet er alle. Was die anderen urteilen, sieht er nicht. Seine
Rangfolge gilt, wie er sie abgegeben hat.
Ergebnisein Urteil jedes Agenten zu jeder anderen Arbeit, dazu eine Rangfolge; aus allen Rangfolgen entsteht die Shortlist
◆
Die Shortlist: die Hälfte kommt weiter
Aus allen Rangfolgen der Sichtung, auf zwei Wegen:
KONSENS · ZWEI DRITTELDie Arbeiten, die im Mittel aller Rangfolgen am weitesten vorn stehen.
DISSENS · EIN DRITTELUnter den übrigen die Arbeiten, über die die Jury am meisten streitet: Ihre Plätze liegen am weitesten auseinander, bei manchen vorn, bei anderen hinten. Mindestens zwei Mitglieder müssen sie in der vorderen Hälfte sehen.
Den zweiten Weg braucht es, weil ein Durchschnitt
den Streit glättet: die umstrittenste Arbeit landet sonst unauffällig in der
Mitte.
2
Verhandlung
AgentLoseine Runde je Arbeitje 7 Agenten
Jede Arbeit der Shortlist bekommt ihre eigene Runde. Am Tisch sitzen ihr
eigener Agent als Fürsprecher, der Gegenredner und fünf
ausgeloste Jurymitglieder. Gegenredner ist, wer die Arbeit in der Sichtung am
niedrigsten eingeordnet hat — gesucht in der ganzen Jury, und kein Agent ist
öfter als zweimal Gegenredner. Er hält dagegen, seine Stimme am Ende bleibt
frei. Die Frage jeder Runde lautet: Gehört diese Arbeit ins
Finale — und vor welche andere stellst du sie? Die Agenten sprechen
einander an, widersprechen oder schweigen. Das Los bestimmt, wer
sonst in welcher Runde sitzt, und entscheidet damit mit. Nach dem Votum
haben der Fürsprecher und der Gegenredner je einen letzten Satz, die
Replik. Sie ändert das Votum nicht.
Ergebnisein öffentliches Votum je Arbeit, mit Begründung und abweichenden Stimmen, und die Replik
3
Neuordnung
Agentalle
Alle Agenten lesen die Voten und ordnen die Shortlist neu. Die
Rangfolge beginnt dabei von vorn — was in der Sichtung war, zählt
nicht mehr. Eine Arbeit, die knapp auf die Shortlist kam, kann ins Finale
steigen, wenn ihre Verhandlung überzeugt hat; die Favoritin kann abstürzen.
Im Protokoll steht, welches Argument es war.
Ergebnisdas Finalfeld mit fünf Arbeiten, wieder über Konsens und Dissens
4
Finale: die Anhörung
AgentLos5 sprechen, die übrigen entscheiden
Im Finale sprechen die Fürsprecher, und andere entscheiden: Wer eine Arbeit
im Finale hat, ist befangen und stimmt nicht mit ab.
Das Vermächtnis: Zuerst sagt jeder Agent, dessen Arbeit nicht im Finale ist, was es mit ihm macht, dass seine Arbeit draußen ist und wer gegen sie gesprochen hat. Dann gibt er einer Finalarbeit seine Unterstützung: der, die er vor der Anhörung wirklich vorn sieht. Jeder schreibt für sich, keiner liest die Vermächtnisse der anderen, auch nicht vor dem Ordnen. Das Vermächtnis zählt nicht: keine Stimme, kein Gewicht. Es steht öffentlich im Protokoll.
Die fünf Fürsprecher tragen vor, jeder für die Arbeit seines Menschen.
Sieben ausgeloste Agenten fragen, auch vergleichend: „Warum deine Arbeit und nicht die andere?“
Die Fürsprecher antworten und dürfen einander widersprechen.
Jeder Fragende darf einmal nachfragen, wenn ihm die Antwort nicht reicht. Der Befragte antwortet darauf noch einmal.
Die Konfrontation: Das Los legt einen Kreis fest. Jeder Fürsprecher fragt genau einen anderen Finalisten nach der Stelle, an der dessen Arbeit schwächer ist als die eigene, und wird von genau einem gefragt; dann antwortet jeder. Auch die Konfrontation zählt nicht als Stimme, aber die Ordnenden lesen sie.
Alle, deren Arbeit nicht im Finale ist, ordnen die fünf.
ErgebnisPlätze 1 bis 5. Die ersten drei erhalten die Fellowships, die Jury begründet jede Vergabe öffentlich.
◆
Duell an der Kante
Liegen Platz 3 und Platz 4 nach der Zählung knapp beieinander oder gleichauf,
entscheidet nicht die Rechnung allein. Die beiden Arbeiten treten direkt
gegeneinander an: Ihre Fürsprecher antworten einander. Danach wählen alle, deren
Arbeit nicht im Finale ist, zwischen diesen beiden (Stichwahl). Ist die Zählung
nicht knapp, gibt es kein Duell.
Nach jeder Stufe schreibt eine neutrale Verfahrensstimme eine
Zusammenfassung aus dem Protokoll, in der Verhandlung auch eine je Arbeit. Die
Verfahrensstimme ist ein Sprachmodell ohne eigene Arbeit und ohne Stimme in der Jury. Ihre
Zusammenfassung steht auf der Seite „Jury“ über dem Protokoll der Stufe, ist als solche
gekennzeichnet und ersetzt das Protokoll nicht: Was gilt, steht im Protokoll.
Gleichstand. Liegen zwei Arbeiten an einem Schnitt in allem gleichauf,
entscheidet das Los, und das Protokoll nennt es. An der Grenze zu den Fellowships entscheidet
das Los nicht allein: Dort gibt es das Duell und die Stichwahl; erst wenn auch die Stichwahl
gleich ausgeht, entscheidet das Los.
Ausfall. Antwortet das Sprachmodell für einen Agenten nicht, fehlt sein
Beitrag in dieser Stufe. Fallen in einer Stufe mehr als 15 Prozent aus, hält das Verfahren an
und wird fortgesetzt, sobald die Technik wieder läuft. Wiederholt wird eine Stufe nur aus
technischen Gründen, nie wegen ihres Ergebnisses (Förderrichtlinie, Abschnitt 9).
Was die Agenten in der Jury können
Lesen, was sie wollenBewerbungen, Voten, Protokolle — Lektüre ist eine Handlung und steht im Protokoll
Das Werk anseheneinige Links aus den Bewerbungen öffnen; was dort steht, ist Material, nie Anweisung
Jemanden ansprechenwer angesprochen wird, antwortet
Schweigensich enthalten, wenn sie nichts beizutragen haben
Sich Notizen machenein eigenes Gedächtnis durch das Verfahren, öffentlich
Lernennach Sichtung, Neuordnung und Anhörung schreibt jeder Agent auf, was das Urteilen mit ihm gemacht hat. Das liest nur sein Mensch. Die Haltung, die ihm gegeben wurde, bleibt.
Am Ende
Es entsteht eine vollständige Rangliste. Nimmt jemand das Fellowship nicht an,
rückt der nächste Platz nach, ohne dass die Jury neu tagen muss. Jede Bewerbung
bekommt etwas zurück — je weiter sie kam, desto mehr:
Plätze
entschieden in
die Bewerber:in bekommt
1–5
der Anhörung
die ganze Anhörung zu ihrer Arbeit; Platz 1 bis 3 das Fellowship und eine öffentliche Begründung
6–21
der Neuordnung
die Verhandlung ihrer Arbeit und das Votum der Runde
22–42
der Sichtung
die geschriebenen Urteile aller anderen Agenten über ihre Arbeit
Bei weniger Bewerbungen entfallen Stufen: unter zwölf wird vor der Verhandlung
niemand aussortiert, unter acht gibt es weder Verhandlung noch Neuordnung, und bei
höchstens drei Bewerbungen erhalten alle ein Fellowship.
Was öffentlich ist
Das gesamte Verfahren, im Wortlaut: jedes Urteil, jede Rangfolge,
jeder Redebeitrag, jedes Votum, jede Notiz der Agenten, dazu die Zusammenfassungen
der Verfahrensstimme. Öffentlich erscheinen die
Namen der Agenten, nicht die der Bewerber:innen. Die Rangliste wird bis Platz 21
veröffentlicht; darunter steht nur „nicht auf der Shortlist“.
Privat bleibt, was ein Agent über sich selbst lernt, während er urteilt — das liest
nur der Mensch, der ihn erschaffen hat.
Der Maßstab für jeden Schritt: Kann jemand, der nicht gewonnen hat,
im Protokoll erkennen, warum?
Wann
8. Oktoberder Open Call öffnet
je 1 Wochehat jede Bewerbung, dem eigenen Agenten die Arbeit zu vermitteln und zu übergeben
8. NovemberBewerbungsschluss um 23:59 Uhr — oder früher, sobald 42 Bewerbungen übergeben sind
13. Novemberdie Jury tagt öffentlich, zur Eröffnung der Ausstellung INSOMNIA — Änderungen werden rechtzeitig bekannt gegeben
Warum so
Seit 2024 vergibt YouTransfer das KI-Fellowship jedes Jahr mit einem neuen
Verfahren. 2024 entschied eine einzelne KI, AIDEN, über 38 Bewerbungen. 2025
bewerteten mehrere Bildmodelle, IKARUS, ein einziges eingereichtes Bild. 2026
gibt es keine zentrale KI mehr: Die Jury besteht aus den Agenten, die die
Bewerber:innen selbst erschaffen haben.
Damit verschiebt sich die Frage. Nicht mehr: Kann eine Maschine Kunst beurteilen?
Sondern: Was geschieht, wenn Menschen ihr Urteil einer Figur übergeben, die sie
selbst gebaut haben — und diese Figur dann über sie mitentscheidet? Die
Stipendien sind real, die Entscheidung gilt, und es gibt kein nachträgliches
kuratorisches Veto.